Wi(e)derstände war das Thema der diesjährigen fraMediale, die vom glatten Gegenteil geprägt war: Es lief fast alles glatt auf der fünften Fachtagung und Medienmesse die, wie die letzten Jahre auch, in der Frankfurt University of Applied Science stattfand. Von einem eher angenehmen Widerstand berichtete sodann auch der erste Redner, Vizepräsident der Frankfurt UAS Prof. Dr. Ulrich Schrader: Im Vorfeld waren die Anmeldungen nämlich so zahlreich eingegangen, dass ein Anmeldestopp erwogen werden musste. Im Unterschied zu den letzten Veranstaltungen wurde das Programm der fraMediale auch in diesem Jahr nach den Wünschen der Teilnehmenden weiterentwickelt. So lag der Fokus eher auf einem ausgeweiteten Workshopprogramm als auf Vorträgen und so verteilten sich die knapp 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zwischen Workshopräumen, Plenar- und Ausstellersaal. Es fanden sich jedoch zu Beginn der einleitenden Vorträge nicht nur Teilnehmerinnen und Teilnehmer der fraMediale im Plenarsaal ein, sondern auch 76 Jugendliche, die an der Jugendkonferenz "ACT ON!" teilnahmen, welche im Rahmen der fraMediale vom Institut für Medienpädagogik München (JFF) veranstaltet wurde.

2015 0916 FraMediale 0178Das Workshopprogramm wurde von einigen Vorträgen gerahmt. Zu Beginn sprach Prof. Dr. Schrader in seinem Grußwort von der schulischen Praxis, die besondere Bedeutung auf der fraMediale habe und ergänzte hierzu, dass die in dem Horizon Report 2015 geforderten Maßnahmen zur Verbesserung der Medienkompetenz auf der fraMediale auf innovative, interessante und neue Art umgesetzt würden.

Prof. Dr. Sven Kommer, Sprecher der Initiative Keine Bildung ohne Medien – KBoM!, begrüßte im Anschluss und betonte in seinem Grußwort die Bedeutung einer Grundbildung Medien. Anschließend zeigte der Direktor des Frankfurter Technologiezentrums [:Medien] – FTzM Prof. Dr. Thomas Knaus die beiden Perspektiven des diesjährigen Schwerpunktthemas "Wi(e)derstände" auf: Neben einer womöglich negativen, frustrierenden Seite hätten Widerstände auch eine produktive, erhellende Seite. Aus der Sicht eines Elektrotechnikers könne man nämlich zu dem Schluss kommen, dass erst am Widerstand Licht entstehe! Licht, welches als erleuchtendes Moment erst für Neuerungen und Lernprozesse sorge. Folgerichtig wünschte er allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Tag voller Widerstände.

Nach den Grußworten hielt Prof. Dr. Niesyto, Initiator der Initiative KBoM! und Erstunterzeichner des Medienpädagogischen Manifestes, einen impulsiven und politisch motivierten Vortrag. Zunächst zeigte er die Errungenschaften der Medienpädagogik der letzten Jahre auf. Dazu gehörten neben dem Manifest auch die Kultusministerkonferenz 2012, aber auch das Programm der Bundesregierung, die in der Digitalen Agenda einige wichtige Weichen stellte. Dennoch müsse sich die Medienpädagogik weiterhin als "kritische Begleiterin der Debatte etablieren". Den zweiten Teil seiner Rede widmete er den Widerständen und mahnte vor künftigen Gefahren. So forderte er, keine weitere Kommerzialisierung im Bildungsbereich zuzulassen, und zeigte anhand des aktuellen Antrags der Regierungsfraktionen "Durch Stärkung der Digitalen Bildung Medienkompetenz fördern und digitale Spaltung überwinden" (Drucksache 18/4422) das Problem der Unterfinanzierung der sonst gut gemeinten Beschlüsse auf. "Das sind Peanuts" kommentierte er die vorgesehen zwei Millionen für den Katalog an Maßnahmen, von technischer Infrastruktur bis zur Lehrerbildung. Die Schulen würden alleine gelassen und von der Politik lieber eine Industrie 4.0 gefordert, was ein starke wirtschaftliche Prägung der Ausbildung mit sich bringe. Es müsse aber der Mensch im Mittelpunkt stehen, nicht das Primat wirtschaftlicher Interessen! Letztlich gehe es darum, ein souveränes, selbstbewusstes Handeln mit Medien zu ermöglichen, um sich in unsere komplexe Gesellschaft einbringen zu können.

Die Workshops am Vormittag waren dem Thema "Standortbestimmung" gewidmet und so verwunderte es nicht, dass KBoM! gleich doppelt vertreten war: Zum einen leiteten Prof. Dr. Sven Kommer, Uta Brammer und Ilka Götz einen Workshop mit dem Titel "Medienpädagogische Grundbildung für Lehrkräfte, SozialpädagogInnen und ErzieherInnen – Konzepte und Beispiele". Zum anderen luden Julia Menz und Christina Enders von der Katholischen Hochschule Mainz zum Workshop "Grundbildung Medien statt medialem Feuerwerk" ein. Beide nahmen das Medienpädagogische Manifest als Ausgangspunkt, setzten jedoch unterschiedliche Schwerpunkte. Während die Referentinnen und der Referent des ersten Workshops ihre Studie zur Prävention von Cybermobbing an Schulen als Ausgangspunkt nutzten, um mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die konkreten Anforderungen an eine Grundbildung zu formulieren, ließen Frau Menz und Frau Enders die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über deren eigene Medienbiographie Forderungen an die Medienpädagogik erarbeiten. Der von Dr. Ulrike Wagner und Sebastian Ring (beide JFF, München) geleitete Workshop "Organisierte Wildnis – Kooperation von außerschulischer und schulischer Medienpädagogik" widmete sich der Frage, inwiefern digitale Medien im Zusammenspiel unterschiedlicher Partner innerhalb der medienpädagogischen Welt eine Brückenfunktion übernehmen könnten. Ähnlich, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel, fragte Christian Helbig von der Hochschule Köln nach dem professionellen Umgang in der Sozialen Arbeit in einer mediatisierten Welt. Sein Workshop "Perspektive Medienbildung in der Sozialen Arbeit" lud zum Erfahrungsaustausch ein.

Nach dem ersten Block, folgte nach kurzer Pause der kurzweilige „Reisebericht“ von Horst Sulewski von der Hessischen Lehrkräfteakademie im Rahmen seines Vortrags „Auf dem Weg: Medienbildung in Bewegung. Eine vorläufige Bilanz eines Mitreisenden“ mit vielen ansprechenden Grafiken und Bildern. Seine Präsentation führte die gespannt lauschenden Gäste von den siebziger Jahren und dem Didaktik-Streit zwischen Wolfgang Klafki und dem Berliner Modell über das Medienpädagogische Manifest und dem Beschluss der Kultusministerkonferenz zu Medienbildung in der Schule 2012 bis zum heutigen Stand der Diskussion.

Die folgende zweite Runde der Workshops am Nachmittag stand unter dem Schwerpunkt "Widerstände überwinden?", hierin wurden fünf Workshops angeboten. 2015 0916 FraMediale 0447

Eine Besonderheit unter den Workshopangeboten bildete der Beitrag der Referentinnen und Referenten der Universität Wien: Prof. Dr. Pelin Yüksel Arslan, Wolfgang P. Ruge, Alessandro Barberi, Katharina Kaiser-Müller und Prof. Dr. Christian Swertz erkundeten in Form eines "Speed Datings" gemeinsam mit ihren Teilnehmerinnen und Teilnehmern politische Begründungsstrukturen des Zusammenhanges zwischen Medien und Bildung. Wie zu erwarten, war dieser Workshop von einer enormen Informationsdichte geprägt. In den hierfür zu kurz erscheinenden 90 Minuten wurden unterschiedliche Schlaglichter auf das Thema Medienbildung, wie etwa die Neoliberale Medienbildung, die bildungspolitische Situation in der Türkei oder die Bedeutung des in der Debatte allzeit präsenten Soziologen Pierre Bourdieu geworfen.

Der von Hannah Bolz von der Universität Erlangen-Nürnberg geleitete Workshop "Widerstände in der Lehrerbildung aufbrechen – der Erweiterungsstudiengang Medienpädagogik für Lehramtsstudierende" richtete den Fokus auf die Lehrenden. Der bayernweit einmalige Erweiterungsstudiengang soll dem „medienpädagogischen Halbwissen“ vieler Lehrender entgegenwirken und stattdessen schulische Expertinnen und Experten in den Themenbereichen Medienbildung und Medienkompetenz ausbilden.

In eine ganz praktische Richtung gingen die Workshops von Prof. Dr. Christof Schreiber und Rebecca Klose zu "MathePodcasts – Audio-Podcasts zur Mathematik" sowie dem Team der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule Wiesbaden, vertreten durch Lothar Spies, Yasmine Koch und Hans-Christian Dederer, zum Thema "Pilotprojekt: iPad-Einsatz im inklusiven Unterricht". Beide Workshops zeigten Best Practices zum Einsatz digitaler Werkzeuge in der Lehre an Schule und Hochschule. Es befand sich aber auch ein späterer Preisträger des fraMediale-Preises unter den Workshop-Referenten. Prof. Dr. Klaus Quibeldey-Cirkel und Christoph Thelen der Technischen Hochschule Mittelhessen stellten das "Audience Response System ARSnova" vor, welches eine direkte Interaktion von Studierenden und Dozentinnen bzw. Dozenten während der Vorlesung zulässt, darüber hinaus aber auch die Palette an Interaktionsmöglichkeiten zwischen Lehrenden und Lernenden mit effizienten und unkonventionellen Tools erweitert.

2015 0916 FraMediale 0224Zum krönenden Abschluss der fraMediale 2015 referierte Prof. Dr. Kommer zum Thema: "Buch statt Tablet-PC. Oder: Warum die digitalen Medien nicht in die Schule kommen – der Faktor LehrerIn". Seine kritische Betrachtung der möglichen Ursachen für die noch immer nicht zufriedenstellend integrierte Medienbildung in der Schule läge im Habitus vieler Lehrender digitalen Medien gegenüber begründet. Es bestehe weiterhin die Notwendigkeit, eine qualifizierte Lehreraus- und Weiterbildung zu etablieren, um die Herausforderungen einer mediatisierten Welt angehen zu können.

Auch nach dem offiziellen Programm wurde noch lange weiter diskutiert und die letzten Teilnehmerinnen und Teilnehmer ließen sich noch nicht einmal durch die Aufräumarbeiten des FTzM-Teams stören – sicher ein gutes Zeichen. "Diese fraMediale zu toppen wird schwierig", konstatierte Prof. Dr. Thomas Knaus nach der Veranstaltung in gemütlicher Runde mit allen Teammitgliedern. Und dennoch werden wir es wohl versuchen… Auf der nächsten fraMediale.

Sebastian Böhm, FTzM